Artikel : Rubrik : Sport
Erst die Arbeit, dann der Urschrei
11/02/2012, von Tom Rüdell
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Die TBB Trier gewinnt eine schwierige Partie gegen den FC Bayern München mit 70:68 und sichert sich damit zwei überlebenswichtige Punkte im Abstiegskampf. (Foto: Thewalt.)

Henrik Rödl ist ein Meister im Kanalisieren von Emotionen. Wer sich mit dem 42jährigen über Basketball unterhält, kann Rödl als faktischen, beinahe nüchternen Gesprächspartner erleben - und wird trotzdem merken, dass hinter der ruhigen Fassade ein Feuer für diese Sportart brennt, das ihn schon als Spieler antrieb und das auch in seiner Zeit als Coach immer wieder aufflackert. Während eines Punktspiels seiner TBB Trier ist dem Mann im grauen Anzug an der Seitenlinie die volle Konzentration anzusehen; kurz vor dem Spiel ist er kaum noch ansprechbar, voll fokussiert auf die Aufgabe die vor ihm und seinen Spielern liegt. Wenn die Partie läuft, lebt Rödl komplett in seiner eigenen Welt, wird auch mal laut, hadert mit Fehlwürfen oder Schiedsrichterentscheidungen, den Körper dabei immer unter Hochspannung - an manchen Abenden leistet Rödls Sakko Schwerstarbeit um unter der impulsiven Fuchtelei nicht aus der Naht zu gehen. Wie er selbst es einmal in einem Gastvortrag an der Uni Trier umschrieben hatte:  "Wenn du etwas tust, dann ist es immer das Wichtigste in diesem Moment, weil du ja grade sonst nichts tust." Dennoch: Der Trierer Coach hat sich und sein Team über die komplette Dauer des Spiels im Griff.

Als am Samstag abend in der Arena Trier die Schlusssirene ertönte, die TBB den turmhohen Favoriten und Hassgegner der gesamten Liga, den FC Bayern München nach hartem Kampf mit 70:68 geschlagen hatte, da ließ Rödl seinen Emotionen freien Lauf, schrie seine Euphorie sekundenlang in die tobende Halle, ein Urschrei quer übers Parkett, der so gar nicht zum Maßanzug und der immer noch einigermaßen korrekt sitzenden Krawatte passen wollte.

Der Ausbruch war berechtigt: 40 Minuten lang musste die TBB quasi mit dem Messer zwischen den Zähnen eine individuell deutlich stärkere Mannschaft in Schach halten, hatte zwischenzeitlich mit 12 Punkten zurückgelegen. Es siegte die Mannschaft mit dem größeren Willen, das kämpfende Kollektiv gegen das nervenschwache Starensemble von der Isar.

Trier war hervorragend in die Partie gekommen, konnte sein Spiel aufziehen. Während München zuschaute, führte Trier zuerst durch einen Dunking nach eigenem Steal von Nate Linhart mit 8:4, dann nach einem Dreier von Dragan Dojcin mit 11:6 und einem weiteren Dreier von Philip Zwiener mit 14:9. Für die  Bayern standen in dieser Phase vor allem zwei schnelle Fouls von Forward Chevon Troutman zu Buche. Doch die Münchner behielten die Nerven, arbeiteten sich wieder heran, der starke Bayern-Center Jared Homan, den Maik Zirbes bisher eigentlich gut im Griff hatte, glich per Dunking zum 14:14 aus. Die Bayern spielten jetzt ihre individuelle Klasse aus, nutzten vor allem an der Dreierlinie Löcher in der Trierer Verteidigung, Demond Greene traf zweimal, unter anderem zum 17:22 Zwischenstand nach dem ersten Viertel.

James Washington kann das zweite Viertel mit einem Dreier für Trier eröffnen, doch Greene gibt die Antwort: 20:27, Auszeit Trier. Die TBB blieb dran, nicht zuletzt dank ihres unermüdlich ackernden Aufbauspielers Dru Joyce, der deutlich besser mit der Bayern-Verteidigung klar kam als im Hinspiel. Doch Bayerns Coach Dirk Bauermann hatte jetzt für Troutman den serbischen Routinier Aleksandar Nadjfeji in die Partie geschickt, mit seinen 35 Jahren immer noch einer der besten Power Forwards der Liga - unter anderem wegen seiner schnellen Füße und seiner extremen Cleverness ein echtes Problem für die Trierer Verteidigung. Nadjfeji markiert sechs Punkte in Folge, Triers Dragan Dojcin, der andere "alte Serbe" auf dem Parkett, kontert mit einem Mitteldistanzwurf zum 28:35 - jetzt musste Bauermann in einem Spiel mit offenem Visier die Auszeit nehmen. Zur Halbzeit steht es 34:41, Trier war in Schlagdistanz, doch München wirkte jetzt deutlich souveräner als zu Beginn, vor allem die Trefferquoten der Gäste waren Henrik Rödl ein Dorn im Auge.

Im dritten Spielabschnitt verlagerte sich die Partie dann auch an die Bretter, Trier hatte die Dreierlinie besser im Auge. Beide Teams schenkten sich in den jeweiligen Zonen nichts; München schien die clevere Offensive zu spielen, bekam mehr Foulpfiffe von den Schiedsrichtern zugesprochen, hatte aber mit Ausfällen an der Freiwruflinie zu kämpfen. Maik Zirbes setze ein Highlight, als er den Offensivrebound von Dru Joyce zum 38:45 direkt in den Korb stopfte, auf der anderen Seite trifft Je'kel Foster nach hervorragender Trierer Vertedigung einen schier unmöglichen Dreier mit Ablauf der 24 Sekunden zum 40:50. Bayern führte zweistellig, jetzt würde es bei Trier auf die Nerven der Routiniers und Leistungsträger ankommen. Dru Joyce machte es hervorragend vor: Er zieht zum Korb, verrennt sich gegen zwei Bayern-Spieler, landet unsanft auf dem Boden verliert den Ball. Einen Foulpfiff bekommt er nicht, der Schiedsrichter lässt sich auch nicht davon überzeugen, dass Joyce ihm sein verrutschtes Stirnband zeigt und argumentiert, dass sich das Accessoire ja kaum von selbst gelöst haben könnte. Joyce hadert nicht lange, sondern trifft direkt im nächsten TBB-Angriff von jenseits der Dreierlinie zum 48:54. Der Rückstand nach dem dritten Viertel betrug indes immer noch sieben Punkte (50:57), die harte Arbeit hatte sich nicht ausgezahlt. Noch nicht.

Für Trier schlug jetzt die Stunde der Bankspieler. Zuerst setzt sich Andreas Seiferth gegen Homan durch und kann vier Punkte in Folge erzielen, dann verliert Nadffeji den Ball in der jetzt exzellent arbeitenden Trierer Verteidigung, James Washington trifft aus der Distanz zum 58:59 und zwingt so die Bayern in die nächste Auszeit. Direkt danach macht er es gleich nochmal, diesmal gibt es drei Punkte: 61:59, wieder muss Bauermann das Spiel unterbrechen. Die ausverkaufte Arena tobt, der Fußballklassiker von den auszuziehenden Lederhosen wird angestimmt - nur gegessen war dieses Ding noch lange nicht, über fünf Minuten waren noch zu spielen. Jetzt übernahm Dru Joyce, der endlich an seine vergangenen Leistungen anknüpfen konnte, die Verantwortung, die man von ihm gewohnt ist. Mit einem wahren Slalomlauf wühlte sich der Point Guard durch die Bayern-Defense und markierte das 66:64 - wieder nimmt Dirk Bauermann die Auszeit, es ist seine letzte. Die Schlussphase würde sein Team ohne Kurskorrektur bestreiten müssen. Nadjfeji, der Mann, der dem Münchner Spiel Stabilität und Effizienz verliehen hatte, saß bereits mit fünf Fouls auf der Bank, das Momentum war spätestens jetzt auf die Seite der TBB Trier gekippt.

Die Schlussphase war an Spannung kaum zu überbieten, sieben Sekunden vor Schluss trifft Je'kel Foster zwei Freiwürfe zum 69:68, Trier hat noch eine Auszeit. Danach foult München Maik Zirbes, um die Uhr zu stoppen, der macht einen von zwei Freiwürfen zum 70:68. Der letzte Angriff der Bayern läuft über Foster, doch der rennt sich in der Trierer Verteidigung fest, Maik Zirbes greift sich den Ball, klammert sich förmlich daran fest, fällt damit zu Boden.

Schlusssirene. Urschrei. Sensation perfekt.

Trier verlässt den Abstiegsplatz und steht auf Platz 16, Konkurrent Ludwigsburg verlor gestern gegen Tübingen und ist jetzt Siebzehnter. Vorentscheidend wird jetzt die Partie gegen den anderen großen Konkurrenten Phoenix Hagen, derzeit Tabellenfünfzehnter. 

Dirk Bauermann, Trainer des FC Bayern München Basketball: „Glückwunsch an Henrik und seine Mannschaft, sie haben vor einer tollen Kulisse sehr viel investiert und sind verdienterweise dafür belohnt worden. Wir haben über weite Teile des Spiels die Kontrolle innegehabt, aber in den Phasen, wo wir uns hätten entscheidend absetzen können, haben wir zum Beispiel einen Dunking nicht in den Korb gebracht. So haben wir das Spiel offen gelassen, Trier konnte dann die Big Points machen und hat verdient gewonnen.“

Henrik Rödl: „Es war für uns eine große Sache, vor ausverkauftem Haus gegen den FC Bayern München zu spielen, es war eine große Motivation für die Spieler. Dirk Bauermann findet diese Verhältnisse bei jedem Auswärtsspiel vor, das ist natürlich eine schwierige Situation. Wir haben drei Viertel des Spiels hinterhergehangen, haben in der ersten Halbzeit nicht gut genug verteidigt, mit den 41 zugelassenen Punkten war ich nicht zufrieden. Später haben wir dann sehr gut gekämpft und gewonnen. Das gibt uns sehr viel Auftrieb.“

TBB Trier: Joyce (18), Zwiener (12), Washington (8), Faßler (0), Dojcin (7), Bynum (6), Linhart (5), Zirbes (10), Seiferth (4), Picard (n.e.), Dietz (n.e.), Saibou (n.e.)

FC Bayern München: Wallace (3), Troutman (3), Hamann (10), Schwethelm, Nadjfeji (15), Doreth, Benzig (3), Foster (9), Greene (11), Jagla, Homan (14).

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