Artikel : Rubrik : Welt
Als Mao Tse-tung am 1. Oktober 1949 auf dem Tiananmen-Platz in Peking die Volksrepublik China ausrief, war es ein kalter und sonniger Tag. 60 Jahre später wird es wieder ein sonniger Tag - dafür sorgt die Luftwaffe des Riesenreiches mit einem chemischen Arsenal, das eventuell aufziehende Wolken und Regen vertreiben wird. Denn am Nationalfeiertag will die kommunistische Führung des Landes nichts dem Zufall überlassen und unter anderem mit einer Militärparade neue Stärke demonstrieren.Während China vor 60 Jahren zwar ein Viertel der Weltbevölkerung stellte, aber ein bitterarmes und isoliertes Land war, stellt sich die Lage heute vollkommen anders dar. Drittgrößte Wirtschaftsmacht der Welt, ständiges Mitglied im Weltsicherheitsrat, größter Gläubiger der USA: die Volksrepublik hat vor allem seit ihrer wirtschaftlichen Öffnung durch Deng Xiaoping vor 30 Jahren eine rasante Entwicklung durchgemacht.
Auch für die Landbevölkerung hat sich in diesen Jahren einiges verändert. Die Armut ging stark zurück, die Zahl der Analphabeten ist vergleichweise niedrig. Probleme gibt es dennoch weiterhin genügend. Zwischen 120 und 200 Millionen Menschen seien im ländlichen Sektor arbeitslos und strebten in die Städte, berichtet der ehemalige Dolmetscher Maos, Sidney Rittenberg. Das sorge für zunehmende Instabilität in dem Land mit 1,3 Milliarden Einwohnern. "Die Schere zwischen Reich und Arm klafft immer weiter auseinander", sagte Rittenberg, der lange in China lebte. Die allgegenwärtige Korruption müsse bekämpft werden, ebenso wie die eklatanten Demokratiedefizite.Diskussionen über Mao, seine Verbrechen während der Kulturrevolution und die Unterdrückung der Dissidenten sind nicht erwünscht. "Es gibt keine Debatte - China ist auf dem Weg, ein mächtiges und wohlhabendes Land zu werden, Punkt", schildert Jean-Philippe Beja vom französischen Zentrum für Studien des Modernen Chinas in Hongkong die Lage.
Dies soll zum Jahrestag demonstriert werden. Rund 200.000 Menschen sollten über die Straße des Ewigen Friedens (Chang'an) marschieren, die Peking von Ost nach West durchzieht. An der alle zehn Jahre stattfindenden Militärparade nehmen auch 800 Militärfahrzeuge teil - mit interessanter Fracht. Ausländische Beobachter werden sich vor allem für die Raketen interessieren, die die mit 2,3 Millionen Soldaten drittgrößte Armee der Welt präsentieren wird. Darunter werden voraussichtlich auch neue Interkontinentalraketen sein, die die USA erreichen und mit atomaren Sprengköpfen ausgerüstet werden können. So wolle Peking seine wachsende wirtschaftliche und diplomatische Bedeutung unterstreichen, sagte der Volksarmee-Experte der Chengchi Universität in Taiwan, Arthur Ding.Vor dem Konterfei Maos wird Chinas Präsident Hu Jintao auf dem Tiananmen-Platz eine Grundsatzrede halten. Dort wurden 56 rot-goldene Säulen aufgestellt, die die verschiedenen Ethnien des Landes symbolisieren sollen. Das Problem der Minderheiten werde als das Vordringlichste angesehen, sagt Beja. Vor allem die Aufstände in Tibet und der Uiguren-Provinz Xinjiang bedrohen das nach Sicht der Führung wichtigste Gut: die Einheit des Landes.
Aus Angst vor Zwischenfällen sind seit Wochen tausende zusätzliche Sicherheitskräfte in der Stadt, insgesamt soll das Aufgebot noch das der Olympischen Spiele aus dem vergangenen Jahr übersteigen. Seit kürzlich auf dem Tiananmen-Platz - dort, wo die KP 1989 die friedliche Demokratiebewegung niederschlug - zwei Menschen erstochen wurden, gibt es in der 17-Millionen-Stadt keine Messer mehr zu kaufen.Schon seit einem Jahr wird das Massenspektakel geprobt - sehr zum Ärger der Einwohner Pekings, die in Verkehrsstaus stecken blieben oder nicht mehr in ihre Wohnungen kamen. Auch am Donnerstag selbst werden die meisten Hauptstädter vor dem Fernseher sitzen. Hotels an der Strecke der Parade werden für vier Tage geschlossen; keiner der Anwohner darf ein Fenster öffnen, das zur Straße hinaus geht.
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